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Lars C. Grabbe, Christiane Wagner und Tobias Held. 2023. Kunst, Design und die »Technisierte Ästhetik«. Reihe Welt|Gestalten, Bd. 6. Büchner-Verlag: Marburg.

Die gestalterische Produktion – vornehmlich der letzten Jahrzehnte – vollzieht sich im Kontext einer alles umfassenden »Technisierung«, welche gleichermaßen analoge und digitale Aspekte artikuliert und integriert, die ihrerseits wieder die Grundbedingung für quantenbasierte Entwicklungen zu bilden scheinen. Das Kreative zeigt sich somit auch schlechthin in der schöpferischen Unvorhersehbarkeit der neuen Apparate und im Kontext einer bereits mannigfach in der Alltagskultur verankerten Maschinen-Ästhetik. Seitdem dies der sozio-kulturelle Regelfall geworden ist, sind unterschiedlichste kommunikative (Medien-)Transformationen durch grafische und interaktive Interfaces entstanden, die zu allgemeinen Veränderungen in der subjektiven Wahrnehmung von analogen und digitalen Medien geführt haben und vermutlich eine dezidiert »Technisierte Ästhetik« zum Ausdruck bringen und auch einleiteten, deren moderne Ausprägungen durch Vernetzung, Hyperlokalität, Hybridisierung, Cyborgisierung und multimodale Technologien intensiv geprägt werden. Es scheint sich eine Sprache der gestalterischen Felder herausgebildet zu haben, die produktiv in Bereiche des Apparativen vorzudringen vermag und ein klassisches Verständnis von Ästhetik geradezu herausfordert oder destabilisiert. Unter diesen Bedingungen erhalten die bildenden Künste sowie die vornehmlich praxisbasierten und -orientierten Bereiche von Kunst und Design – und ihre jeweiligen innovativen Ideen – auch durch digitale Programme und Apparate einen progressiven Status und werden in gewissen Kontexten direkt durch Hard- und Software selbst produziert oder bleiben nur in Abhängigkeit zu diesen technischen Artefakten möglich. Kunst und Design im Kontext dieser »Technisierten Ästhetik« bieten eine gewissermaßen neue ästhetische Dynamik, die ihrerseits sowohl die Rezeption, die Hervorbringung als auch die ästhetische Klassifikation oder Kennzeichnung problematisiert. In diesem Sinne adressiert diese Publikation vor allem interdisziplinäre Beiträge, die sich mit diesem Themenfeld produktiv auseinandersetzen und allen voran die »Logik der Technisierung« mit einer »Logik des Ästhetischen« systematisch in Beziehung setzen.

Historisch gesehen haben sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts vielfältige ästhetische Koordinaten im akademischen System herausgebildet und erlebten je eigene Aufschwünge, seien es die Gestalt- und Genie-Ästhetiken, die transzendentalen Perspektivierungen oder sensualistischen Ansätze sowie die historisch, archivarisch und konkret gestalterisch arbeitenden Felder. Schlicht gesprochen changierte das »Ästhetische« zwischen Schönheit, Erhabenheit, Zeit und Raum, zwischen Wahrnehmung, Sinnlichkeit und Empfindung sowie Form, Werk, Funktion, Transzendenz oder historischem Faktum. Die technologisch geprägten Medientransformationen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren kulturell, industriell wie auch intellektuell für die Manifestation der Avantgarden und ihrer Einflüsse innerhalb des Kunst- und des Designbetriebs wesentlich. Eine Reihe von modernen Bewegungen hatte einen direkten Einfluss auf die mediale Form der visuellen Kommunikation innerhalb des 20. Jahrhunderts. Dabei reichten die Motive von der Krise der traditionellen schönen Künste über den Modernismus und den Bruch mit der Tradition bis letztlich in die oftmals radikale und postmoderne Ausprägung der Gestaltung innerhalb der zeitgenössischen Kunst und des Designs.

Die These von einer »Technisierten Ästhetik«, die den Bezug auf Technologie, Apparat, wechselseitige prozessuale Formung und Fähigkeit gleichermaßen zum Ausdruck bringt, ist vielleicht am besten vor den Hintergrund der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu stellen: Als Moment des Kunstwerks im Kontext seiner technischen Reproduzierbarkeit, ganz so, wie es Walter Benjamin formulierte. Allerdings ist bei aller positiver Historie die Imago des Phantoms im Sinne von Günther Anders (ko-)präsent und begleitet scheinbar jede Technik-Utopie als ein dystopischer Schatten. Die ästhetische Erfahrung in der Gegenwart ist vor allem durch medien-ökologische Interdependenzen und eine stetig weiterentwickelte Digitalisierung und Technisierung massiv in der öffentlichen Kultur verankert und hat unlängst den Boden des klassischen Genies und von Schönheit und Erhabenheit verlassen bzw. diesen erweitert. Vielmehr findet »Technisierte Gestaltung und Ästhetik« oftmals netzwerkartig, hyperlokal, hybrid und über Hard- und Software vermittelt statt, so dass neue Kontexte und eine Koexistenz von physischer und digitaler Welt, d. h. künstlicher und physikalischer Realität, kontinuierlich adressiert werden. Gestaltung als Ausprägung jener »Technisierten Ästhetik« formt hierbei nicht nur die grundlegenden Interfaces der digitalen Mensch-Maschine-Kommunikation, sondern stabilisiert eine digitale Medienrealität zwischen Hypertext und Hyperrealität im Sinne Jean Baudrillards. Die Digitalisierung prägt nicht nur die Reflexion über Artefakte der Gestaltung, sondern formt diese selbst. Maschinen-Kunst und Maschinen-Design werden zu Bezugssystemen einer »Technisierten Ästhetik« deren Grundbedingungen, Logiken und Varianzen noch nicht klar verstanden und diskutiert wurden, sollte dieses Unterfangen überhaupt jemals vollumfänglich gelingen. Klar ist jedoch, dass die Kunst und das Design einen integralen Bestandteil von Kultur, Gesellschaft und Techno-Innovationen darstellen und damit auch das kulturelle Erbe für nachkommende Generationen inhaltlich wie auch strukturell prägen. Die Streitfrage bleibt: Was kennzeichnet und bestimmt die formalen und ästhetischen Bedingungen der Möglichkeit von »Technisierter Ästhetik« und Gestaltung in Bezug auf die täglichen Experimente und etablierten Formvorstellungen in der globalen Kunst- und Designwelt?

Zielsetzung dieses Buches ist es, interdisziplinäre Ansätze aus denjenigen wissenschaftlichen Disziplinen zu versammeln, die sich mit den analytischen Bedingungen einer »Technisierten Ästhetik« befassen. Hier sind philosophische, technologische, (kunst-)historische und designtheoretische Ansätze, genau wie auch kultur-, sozialwissenschaftliche, empirische, gestalterische und medientheoretische Perspektivierungen explizit erwünscht, deren Fokus dann eine tiefergehende Bestimmung von Technisierung, Ästhetik, Gestaltung, Kreativität, Wahrnehmung, Kultur und Gesellschaft erlauben. Mit dieser Strategie soll die Beziehung von Ästhetik und Technologie, auch im Kontext aktueller Gestaltungs-Entwicklungen und Prototypen, herausgearbeitet werden, um ebenfalls ein Schlaglicht auf Technologietransfers, künstliche Intelligenz oder menschliche sowie nicht-menschliche Gestaltungsdynamiken zu werfen.

Eine Auswahl von möglichen Themengebieten soll an dieser Stelle für thematische Impulse dienlich sein:

  • Eine »Technisierte Ästhetik« im Spannungsfeld von Tradition und Moderne
  • Das Verhältnis von analoger, digitaler oder quantenbasierter Ästhetik
  • Technologie und deren struktureller Einfluss auf Kunst und/oder Design
  • Die begriffliche Bestimmung von Apparat, Maschine, Technisierung und Ästhetik
  • Die Logik von Ästhetik und Technologie im Feld einer »Technisierten Ästhetik«
  • Die Interdependenz von Kultur, Gesellschaft, Technologie und Ästhetik
  • Materialität und Immaterialität als ästhetisches Spannungsfeld
  • Die »Technisierte Ästhetik« im Spannungsfeld von Phänomenologie, Semiotik und Anthropologie
  • Die Bestimmung der Ästhetik in der Technikforschung
  • Die Abgrenzung von Medien-Ästhetik, Maschinen-Ästhetik und Technik-Ästhetik
  • Klassische Positionen der Ästhetik mit Bezügen zur Technologie (z.B. Kant, Hegel, Benjamin, Heidegger, Anders, Adorno, Blumenberg, u.a.)

Das wünschenswerte Ziel dieses Buches ist es, dass etablierte Theorien mit aktuellen Forschungsergebnissen in Beziehung gesetzt und gleichermaßen auch aktuelle Konzepte der ästhetischen Theorie diskutiert oder vielleicht neu entwickelt werden. Dies soll gleichermaßen eine Diskussion auf dem Fundament faktisch vorliegender künstlerischer Werke oder Designartefakte sowie Prototypen anregen und eine Beschäftigung mit den theoretischen Grundlagen der klassischen und zeitgenössischen Forschung implizieren. Der Fokus soll dabei den Zeitraum von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart umfassen und den Zusammenhang von Theorie und Praxis im Kontext einer »Technisierten Ästhetik« berücksichtigen.

Die Auswahl der Beiträge wird über das Einreichen von Abstracts erfolgen, die eine Länge von bis zu 800 Wörtern umfassen sollen. Die Herausgeber Prof. Dr. Lars C. Grabbe (Münster), Prof. Dr. Christiane Wagner (São Paulo/Berlin) und Tobias Held (Weimar/Münster) werden in einem internen Reviewverfahren die Publikationsentscheidung treffen und die AutorInnen über das Ergebnis informieren. Die Deadline der Einsendung von Abstractsist der 31. Oktober 2021. Die ausgearbeiteten Artikel mit einem Umfang von 5.000 bis 6.000 Wörtern sollen bis zum 01. März 2022vorliegen.

Bitte senden Sie eine Kurzbiografie, institutionelle Informationen, Kontaktdaten und das Abstract an Prof. Dr. Lars C. Grabbe via l.grabbe@fh-muenster.de.